Geschichte von Pratval

 

Pratval wird selbständig
Die Erwähnung Pratvals in alten Schriften

In früheren Zeiten war Pratval, was „Talwiese“ bedeutet, nur eine Flurbezeichnung. Unter dem Namen „Prau da Valle“ kommt es in mittelalterlichen Beschreibungen vor.
Als Siedlung war es abhängig von Almens.
So schrieb Pfarrer Nicolin Sererhard im Jahre 1742: „Allmens, liegt nicht weit von Riedberg, ist eine grosse Gmeind vermischter Religion. Hat zu einem Nachbarschäftlin Pradavall.....“

Wieso wollte Pratval selbständig werden?

Schon mancher wird sich gefragt haben, wie eine so unbedeutende Siedlungsschaft zur selbständigen Gemeinde werden konnte. In einem Buch über das Domleschg steht zum Beispiel: „Es mutet direkt widersinnig an, dass aus einem Areal von nur 0,7691 Km2 mit nur 11 Siedlungen die Gemeinde Pratval entstehen konnte.“
Wer waren denn die treibenden Kräfte, welche ein Interesse an einem selbständigen Pratval hatten? Welche Streitigkeiten wurden mit Almens ausgetragen, dass es zu einer Trennung kam? Auf welche Weise wurde diese Trennung vollzogen?
Die Beantwortung solcher Fragen war gar nicht einfach. Ein Protokollbuch der Gemeindeversammlung gibt es erst ab 1884. Zwar wurden im Archiv noch Dokumente aus früheren Jahren gefunden – das älteste ist ein Darlehensvertrag zwischen Pratval und Rietberg aus dem Jahre 1847. Doch gaben diese Papiere keinen Aufschluss über die Gemeindegründung. Auch im Archiv von Almens war nichts aufzutreiben, das einen Hinweis über die Auseinandersetzungen mit Pratval gegeben hätte. Erst im Staatsarchiv Chur fand ich Briefe aus jener Zeit, welche für die zahlreichen Fragen eine erste Erklärung gaben. Ich konnte die Briefe aber erst verstehen, nachdem ich mehr wusste über die Bedeutung der Gemeinden zu jener Zeit

Das Gericht Fürstenau und seine Nachbarschaften

Zur Zeit, als Pratval sich von Almens trennte, bedeutete „Gemeinde“ noch etwas ganz anderes als heute. Damals bildeten Sils, Scharans, Fürstenau und Almens zusammen die Gerichtsgemeinde Fürstenau. Sie selber wurden nur als Nachbarschaften bezeichnet. Die Aufgabe dieser Nachbarschaften war es, die Nutzung der gemeinschaftlichen Weiden, Alpen und Wälder zu überwachen. Sonst hatten sie nicht viel zu sagen. Die wichtigen Entscheidungen, so auch die gerichtlichen Beschlüsse, wurden in der Gerichtsgemeinde Fürstenau gefasst. So hatten die vier Nachbarschaften ihre Abgesandten im Gericht Fürstenau, welche über Streitigkeiten unter den Einwohnern zu befinden hatten.
Erst von 1851 an, als die Gerichtsgemeinden zu den heutigen Kreisen zusammengefasst wurden, bekamen die Nachbarschaften mehr Rechte. Drei Jahre später wurden sie dann als selbständige Gemeinden vom Kanton anerkannt.

Die Einigung mit Almens

Die Beziehungen zwischen den Hofleuten von Pratval und dem Almenser Vorstand verschlechterten sich. Es musste eine Lösung gefunden werden. Da schaltete sich J.A. Casparis vom Schloss Rietberg ein. Es gelang ihm, die zerstrittenen Parteien an einen Tisch zu bringen. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich. Es wurden zwei Papiere, Konventionen genannt, ausgearbeitet. Diese beiden Konventionen mussten noch von den Vertretern des Gerichtes Fürstenau begutachtet werden. Leider wurden die Konventionen nirgends gefunden, doch liegt wenigstens ein Protokoll der Gerichtsverhandlung vom 27. April 1845 vor.
Am 28. Juni des gleichen Jahres wurden die beiden Konventionen auch vom grossen Rat genehmigt, so dass Pratval von diesem Datum an eine eigene Nachbarschaft bildete. Erster Präsident wurde Amtslandvogt J.A. Casparis, sein Vize hiess Paul Kieni.

Wie sah es um 1850 in Pratval aus?

Um diese Zeit wohnten zwanzig Familien in Pratval. Im ganzen zählte die Nachbarschaft 82 Einwohner. Da die Leute damals neben ihrer Hauptbeschäftigung als Landwirte meistens noch einen Nebenberuf ausübten, ergibt sich eine interessante Zusammenstellung. 1850 wurden in Pratval folgende haupt- und nebenberufliche Tätigkeiten gezählt (eidg. Berufsstatistik):

  • 19 Bauern
  • 2 Schuhmacher
  • 1 Pächter
  • 1 Fuhrmann
  • 3 Knechte
  • 6 Strohflechter
  • 3 Mägde
  • 1 Advokat
  • 1 Schreiner
  • 1 Schneiderin
  • 4 Kaufleute
  • 1 Strickerin

Die Nebenberufe wurden oft im Winter ausgeübt, um sich für das Jahr wieder einzudecken. Diese Selbsthilfe war wichtig für das Wirtschaftsleben im Dorf. Die einzelnen nebenberuflichen Handwerker gingen noch auf die Stör. So begab sich zum Beispiel der Schuhmacher zu den Bauern und verarbeitete dort die gegerbte Haut.

Wie Pratval zu seiner ersten Gemeindeordnung kam

Den Gemeinden wurde schon 1854 ein Musterbogen für Gemeindeordnungen zugestellt. Doch war es anscheinend auch Pratval nicht allzu ernst mit der Ausarbeitung solcher Statuten. Dreizehn Jahre später bekam der Gemeindevorstand vom kleinen Rat eine Aufforderung, endlich eine Gemeindeordnung zur Genehmigung einzusenden. Darauf wurde von J.A. Casparis ein Entwurf angefertigt, bei dem leider das Datum fehlt.
Die ersten Statuten, welche von der Regierung geprüft wurden, stammten aus dem Jahr 1878 und wurden von C. Casparis ausgefertigt.
Zufrieden mit dem Vorstand von Pratval war der kleine Rat anscheinend erst 1887, denn aus diesem Jahr liegt eine genehmigte Gemeindeordnung vor. Diese Bestimmungen wurden übrigens vom Sohn des ersten Präsidenten von Pratval ausgearbeitet. Es brauchte also 33 Jahre und drei Gemeindepräsidenten, bis eine brauchbare Gemeindeordnung bereitlag.

Pratval um die Jahrhundertwende

Die kleine Gemeinde hatte um die Jahrhundertwende viele Probleme zu lösen. Da die umliegenden Gemeinden älter waren und mehr Einwohner zählten, musste sich Pratval immer wieder seiner Haut wehren.
Die Gemeinde bestand im Jahre 1900 aus 17 Haushaltungen. Vierzehn bewohnte Häuser gab es in diesem Jahr, und im ganzen wurden 67 Einwohner gezählt.
Zwar gibt es noch keine genauen Zahlen für die Jahrhundertwende, doch werden die folgenden Feststellungen mit grosser Wahrscheinlichkeit zutreffen: Pratval hatte im ganzen Domleschg am meisten Obstbäume pro Betrieb zu verzeichnen. Beim Brotgetreide (Weizen und Roggen) gab es vermutlich Selbstversorgung, bei den Kartoffeln sowieso. Die gesamte Ackerfläche betrug etwa ein Zehntel vom Wies- und Weidland.
Die meisten Personen waren in der Landwirtschaft tätig. Elf Landwirtschaftsbetriebe befanden sich in Pratval. Viele Bauern übten noch einen Nebenberuf aus. So war es um diese Zeit möglich, das Korn in der gemeindeeigenen Mühle mahlen zu lassen, weil ein Landwirt noch zusätzlich Müller war. Ein zweiter betätigte sich als Metzger, und ein dritter führte als Schreiner Arbeiten aus. Auch für durstige Kehlen war gesorgt. Mit seinem Sohn zusammen betrieb der Kaufmann und Landwirt Christian Lötscher-Kieni noch eine Gaststätte. Um 1900 wohnte auch ein Küfer hier, und zwei weitere Männer sind als Taglöhner und Knecht aufgeführt. Der Gemeindevorstand, welchem J.A. Casparis junior, Dionys Calonder und C. Lötscher angehörten, war sehr aktiv. So führte er zum Beispiel im Jahre 1902 neun Sitzungen durch und berief fünf Gemeindeversammlungen ein. Im Gegensatz zu den Abstimmungen, an denen jeweils fast alle der 23 Stimmberechtigten teilnahmen, waren die Gemeindeversammlungen nicht immer gut besucht. An einer Versammlung in jenem Jahr waren nur fünf Einwohner anwesend, so dass sie vertagt werden musste.

Theo Kull, 1983